Jetzt im Karneval werden die Zahmen wild, die Schönen hässlich, die Schwachen stark. Unsere Autorin fragt: Kann man die eigene Persönlichkeit wirklich verändern?
Lange her, aber die Szene ist unvergesslich. Es war im Schwimmbad, ich war zwölf Jahre alt, meine Cousine Tini zwei Jahre älter. Wir hatten den gleichen Badeanzug: pink mit blauen Rändern. Neben uns hockten ein paar ältere Jungs auf ihren Handtüchern und alberten herum. Interessante Lebensform, dachte ich, war aber viel zu schüchtern, um Kontakt aufzunehmen. Da brüllte mich einer der Jungs an: „Wie heißt du?“ Oh, echt jetzt? Ich?! Glücksrausch einer Präpubertären.
Im Karneval sind wir mal kurz jemand anders
„Ich heiße …“, fing ich an, aber ich hatte ihn falsch verstanden. „Du doch nicht!“, schrie er und zeigte auf Tini, „die da!“ Ach so, ich Idiotin, natürlich meint er Tini. Denn „die da“ hatte schon Busen unterm Badeanzug und ich nicht. In dem Moment wollte ich nichts mehr im Leben, als Tini zu sein. Oder wenigstens jemand mit Busen.
Jemand anders sein zu wollen, diese Sehnsucht kennt wohl jeder. Das eigene Ich ablegen, in eine neue Rolle schlüpfen, von den anderen anders gesehen werden. Kommenden Montag ist Rosenmontag – seit Jahrhunderten der Höhepunkt des „Ich bin jemand anders“, wenn auch nur für kurze Zeit. Aus Knechten werden Könige, die Zahmen werden wild, die Schönen hässlich, die Schwachen stark und alles auch umgekehrt. Was willst du werden? Pamela Anderson! Kleiner Scherz.
Klar, ein Kostüm macht noch keine neue Persönlichkeit. Die ist allerdings längst nicht so starr, wie die Wissenschaft lange meinte. Im Gegenteil: Aus Zwillingsstudien weiß man, dass die Persönlichkeit nur etwa zur Hälfte durch das genetische Erbe der Eltern festgelegt ist. Dies ist der unveränderliche Teil des Charakters, der Kern unseres Wesens. Die andere Hälfte wird von unseren Entscheidungen und Erfahrungen geformt: wo wir leben, mit wem und welchem Beruf, mit welchen Schicksalsschlägen, Glücksfällen, Zufällen.
Wer wir sind, können wir ein Leben lang beeinflussen
Welches Ich aber daraus wird, können wir das ganze Leben lang beeinflussen. Der Schüchterne lernt, bei Partys auf andere Menschen zuzugehen. Der Pessimist verinnerlicht, ein wenig sorgloser in die Zukunft zu schauen. Oder der Unstrukturierte trainiert, seine Projekte besser einzuteilen. Wie das geht? Nicht allein durchs Entscheiden, zeigen psychologische Experimente, sondern durch Übung.
Ich zum Beispiel fürchte mich nie vor unbekannten Menschen, aber immer vor unbekannten Wegen. Das ist sehr unpraktisch als Reporterin. Ich bin: eine nervöse Reisende. Ich will sein: eine lässige Reisende. Also zwinge ich mich, immer mal neue Routen zu radeln. Ich fahre Auto ohne Navi. Ich lasse die bekannte S-Bahn sausen und nehme eine neue Linie. Und ich checke die Abflugzeit eines Flugs nicht zehnmal, sondern erlaube mir das genau einmal (na ja, zweimal).
Sollten Sie also in den kommenden Jahren mal spätabends an einem Bahnsteig stehen, wo sämtliche ICEs ausgefallen sind, und sehen da eine beeindruckend entspannte Frau, die erst mal heißen Tee besorgt und dann souverän nach alternativen Reise- oder Übernachtungsmöglichkeiten schaut – das bin dann ich. Ich glaube fest daran: Der Mensch hat die Fähigkeit zur Verwandlung, nicht nur an Karneval.
Source link : https://www.stern.de/gesellschaft/karneval-und-das-gefuehl-der-woche–kann-ich-bitte-jemand-anders-sein–37133920.html
Author : Helen Bömelburg
Publish date : 2026-02-15 14:27:00
Copyright for syndicated content belongs to the linked Source.
